Alles nur Bschiss
So viel Glück kann doch kein Mensch haben. Kann er auch nicht. Das Geheimnis hinter meiner Glückssträhne.

Mai 2010. In einer E-Mail Anfrage werde ich um ein Treffen gebeten für ein Projekt, über dessen Existenz ich schweigen soll. Zuerst skeptisch begebe ich mich in das Kaffee, indem ich einen Herren der Firma Vibrio treffe.
“Man habe meine Aktivität auf der Plattform Twitter beobachtet und eine hohe Popularität festgestellt.”
Darauf hin erklärt man mir, man würde diese Aktivität gerne für eine Studie benutzen. Eine Studie über das Innenleben des Social Media. Wo sind die Grenzen und was muss erreicht werden, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.
Kurz gesagt: Ich soll so tun, als hätte ich unglaubliches Glück, andere beobachten das und erheben Statistik. Sinn und Zweck sei dahin gestellt. Was für mich dabei rausspringt? Ich darf den glücklichen 9 Jährigen Jungen spielen, der eine Liste an den Weihnachtsmann schreibt und dieses Jahr mal alles bekommt. Involviert wären andere Twitterer wie David Worni und Andreas Aerni, die als weitere Kandidaten in Frage gekommen wären, nun aber als Helfer agieren.
Identitätsmiete für Wunschkonzert
Ohne auch gross über mögliche Nebenwirkungen nachzudenken, ging ich den Deal ein und schickte also meine Wunschliste an den Weihnachtsmann. In den darauf folgenden Wochen und Monaten hagelte es also Gegenstände meiner Wunschliste, getarnt als potenzielle Gewinne einer anhaltenden Glückssträhne. Groupies, Geldfund, Gratispizza, Konzert- und Festivaltickets, VIP Zugänge, TV und Gadgets wie Handy und iPad. So bin ich an die von euch oft beneideten Gegenstände gekommen. Und habe keinen Cent dafür ausgegeben.
Und schon schlitterte ich in die ersten Moralprobleme. Leute wendeten sich von mir ab und hassten mich dafür. Und zwar so richtig. Es war unangenehm. Und ich war enttäuscht von den Reaktionen, die der grosse Neid in den Menschen ausgelöst hatte. Richtig unangenehm war aber, dass ich mich vielen Fragen stellen musste und dabei die ganze Zeit lügen sollte. Ich bin ein schlechter Lügner, habe mich aber anscheinend so gut in die Rolle versetzt, wirklich glück zu haben, dass es mir viele glaubten. Und ich habe oft versucht, meine Situation zu begründen, ohne direkt zu lügen, sondern die Leute selbst interpretieren zu lassen, was mir nicht immer gelang.
Neben den ganzen schlechten Aspekten dieses Deals habe ich aber natürlich auch profitiert. Die Dinge, die ich mir durch mein momentan kleines Einkommen niemals leisten könnte, wurden mir vor die Füsse gelegt. Viel wichtiger aber sind die guten Zeiten, die ich mit Freunden verbringen konnte. Ich konnte sie kostenlos mit an Festivals und Veranstaltungen nehmen und sie so auch an meiner “Glückssträhne” teilhaben lassen. Das ist wesentlich wertvoller als der materielle Wert der vielen Dinge, die ich zugeschickt bekommen habe.
Die London Reise, welche übrigens auch komplett bezahlt wurde, hat einigen wohl den Rest gegeben. Kurz danach war das Projekt glücklicherweise auch zu ende und ich bin jetzt an der Stelle an der ich hoffe, dass durch die Wahrheit, die ich nun nach Ablauf meines Schweigevertrages offen legen darf, akzeptiert wird, dass es sich abstrakt gesagt um einen Bubenstreich im grösseren Ausmass handelt. Für diesen möchte ich mich an der Stelle entschuldigen auch wenn durch mich bestimmt niemand zu Schaden gekommen ist. Auch bei Ueli möchte mich mich persönlich entschuldigen, dass ich ihm den Pizza-Streich gespielt habe und er es geglaubt hat. Und natürlich bei Hosae, der zusehen musste, wie ich vor seinen Augen einfach mal so 100.- Franken aus dem Gebüsch ziehe.
Bedanken möchte ich mich bei David und Ändu, für die gute Unterstützung und den positiven Zuspruch.
Die Facebook Seite, welche über das Projekt erstellt und von Helfer zusätzlich gepusht wurde, wird bis mindestens ende Jahr noch online bleiben.
In diesem Sinne: “Nachtmeister: Glück oder Bschiss?”
“Bschiss”
Tags: bschiss, glück, glückssträhne | In der Kategorie Leben
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